Aus Vorschlag wird Befehl

Aus Vorschlag wird Befehl

Was eine deutsche Nato-Fregatte im östlichen Mittelmeer mit der Flüchtlingsfrage zu tun hat.

Von Peter Carstens

Im Morgengrauen ist die Brücke vollbesetzt. Die Fregatte „Bayern“ steuert auf Kreta zu. Die Touristeninsel liegt süßem Schlaf, auf dem Kriegsschiff jedoch herrscht höchste Konzentration. Die Fregatte F217 ist mit mäßiger Geschwindigkeit unterwegs, acht Knoten. Kommandos werden gegeben, wiederholt und ausgeführt. Alles geschieht in ruhigem Wechsel der Worte. schließlich die Meldung: „Batterie Alpha feuerbereit, Sicherheit ist vorhanden.“ Fregattenkapitän Markus Brüggemeier nickt, „Feuererlaubnis.“ Blau wellt sich das ägäische Meer, blau der Himmel, dazwischen strecken sich die Gipfel Kretas empor. Kurz vor sieben Uhr brechen zwei dumpfe Kanonenschläge die Morgenstille. Das vollautomatische 76-Millimeter-Geschütz der Fregatte meldet sich zu Wort. Zwei Projektile verlassen das Rohr, sie könnten bis zu 16 Kilometer weit fliegen. In höchster Konzentration von bis zu 80 Schuss pro Minute würde sich daraus ein wahrer Stahl- und Feuerregen entwickeln. Theoretisch. Doch hier geht es nur um einen Funktionstest für die bereits etwas ältere Munition. Und so sieht man die Geschosse in einiger Entfernung ins Meer eintauchen. Die graue „Bayern“ hat neben ihrer Kanone noch etliche andere Waffen an Bord, Leichtgeschütze, Flugkörper zur Luftabwehr, Exocet-Raketen. Sogar Torpedos. Damit kann man allerlei ausrichten. Ebenfalls theoretisch.

Denn die Fregatte der Deutschen Marine hat hier im östlichen Mittelmeer keinen Kampfauftrag. Eher kann von einer diplomatischen Mission im Auftrag der Nato gesprochen werden, die verlangt von Brüggemeier und Besatzung Zurückhaltung, Geduld und Ausdauer. Gemeinsam mit anderen Schiffen einer maritimen Nato-Gruppe sind sie hier seit Monaten zwischen den Inseln unterwegs, um mit ihren elektronischen Augen und Ohren den Seeraum zu überwachen. Es geht, sagt Brüggemeier, um „Unterdrückung von Schleuserkriminalität“. Die Nato wolle außerdem „lokale Akteure überprüfen, ob sie ihren internationalen Verpflichtungen nachkommen“. Das bedeutet: Man schaut den Türken auf die Finger, die von der EU Milliarden dafür bekommen, Flüchtlinge und Migranten aus Syrien oder Afghanistan, Pakistan und Iran von der gefährlichen Überfahrt auf die griechischen Inseln abzuhalten.

Darüber hinaus gibt es viele andere Fragen: Hält sich die Küstenwache an die Vereinbarungen und an die internationalen Regelungen? Von wo starten die Schlepperboote? Auch die Griechen wissen seit dem Frühjahr 2016, dass auf See und entlang der Küsten wenig unbemerkt bleibt. Der ruppige Umgang, den die türkische und griechische Marine in diesem Seegebiet miteinander gewohnt sind, wird seither gründlich beobachtet und zumindest eingedämmt. Davon ist auch Volker Blasche überzeugt, der Kapitän zur See ist Kontingentführer und sozusagen der diplomatische Kopf der deutschen Mission. Beitragen soll er dazu, dass an Bord der „Bayern“ nicht nur Deutsche arbeiten, sondern auch eine Handvoll griechischer und türkischer Offiziere sowie ein norwegischer Vertreter der europäischen Grenzschutzagentur Frontex, die in den Gewässern ebenfalls mit mehreren Schiffen operiert. Gemeinsam wird in der streng geheimen Operationszentrale im Bauch des Schiffs die Lage beobachtet und analysiert. Die Zahl der flüchtlingsboote ist im Vergleich zum Herbst 2015 drastisch reduziert, aber immer noch landen täglich bis zu 100 Flüchtlinge irgendwo an, immer noch ertrinken Hilflose. Anders als im westlichen Mittelmeer, wo fast nur junge Männer die gefährliche Überfahrt wagen, sind es in der Ägäis oft ganze Familien, die auf die Boote steigen und nach Chios, Samos oder Lesbos übersetzen. Geraten sie dabei in Seenot, sind es meistens die Küstenwachen oder zivile Schiffe, die zur Hilfe eilen. Die deutsche Fregatte ist hierbei, anders als bei der „Operation Sofia“ im westlichen Mittelmeer, nur selten gefragt.

Auf engstem Raum miteinander auszukommen, das ist eine Herausforderung an Bord der „Bayern“, wo sich etwa 210 Männer und Frauen der Besatzung die 138 Meter Gesamtlänge und 16,6 Meter Breite teilen müssen. Die Mannschaften schlafen in Kabinen mit vier, sechs oder acht Kojen, jeweils als Doppelstöcker. Unter ihnen wummern die beiden 20-Zylinder-Maschinen, die je rund 5500 PS entfalten können. Falls es sehr schnell gehen soll, gibt es zusätzlich zwei Gasturbinen, die allerdings den 500000-Liter-Tank der Fregatte in wenigen Stunden leersaufen würden. Der private Raum der Mannschaften besteht für fast sechs Monate der Seereise aus ein paar Quadratzentimetern Wand für Freundes- und Familienbilder und einem Schrank. Zum Glück gibt es Aufenthaltsräume, „Messen“ genannt. Dort können voneinander getrennt Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften ihre Freizeit verbringen. Die Räume sehen aus wie fensterlose Vereinsheime eines Sportclubs, holzvertäfelt, einige Sofas, eine Bar mit Schankanlage. Ein paar Zeitschriften und Bücher liegen bereit, es gibt einen Flachbildschirm. In den Messen wird auch gegessen, ebenfalls voneinander getrennt, so ist das Tradition, und niemand scheint sich an Bord der „Bayern“ darüber zu beklagen oder auch nur darüber nachzudenken, ob das noch zum Jahrhundert passt. Der Kapitän ist in dieser Hinsicht übrigens heimatlos. Er hat eine etwas größere Kabine direkt unter der Brücke, aber in der Offiziersmesse ist er nur Gast. Brüggemeier sagt, die räumliche Trennung gebe Gelegenheit zur freien Aussprache unter Gleichen. Das sei wichtig an Bord. Die Kabinen seiner Offiziere sind ebenfalls winzig und fensterlos. Einem Gefängnisinsassen steht mehr Platz zu als einen Marineoffizier auf See. Beim Navigationsoffizier etwa sind es rund sechs Quadratmeter, die er sich zudem teilen muss mit mehreren Dutzend Aktenordnern voller Navigationsunterlagen, Hafenplänen und Kartenausschnitten, zu denen auch der Suez-Kanal gehört und natürlich die Inseln der Ägäis.

In den engen Gewässern gilt es zwischen den Inseln mit Vorsicht zu manövrieren. Das betrifft die geologischen Untiefen, aber auch die diplomatischen. Viele Grenzen sind umstritten, und Gebietsansprüche um teilweise kaum aus den Wasser ragende Felsen werden unter den beiden Nato-Staaten Türkei und Griechenland hitzig ausgetragen. Nicht zuletzt wegen der Bodenschätze, die auf oder um diese Fleckchen vermutet werden. Vor ein paar Wochen hat die griechische Küstenwache den Schornstein eines türkischen Frachters mit Warnschüssen durchsiebt, weil dessen Kapitän nicht anhalten wollte. Und wenn die „Bayern“ zweimal hintereinander in einem griechischen Hafen anlegt, fragen die Türken schon: Was ist da los, kommt ihr nicht mehr zu uns? Umgekehrt ist es ähnlich. Beide Länder misstrauen einander.

Das ist ein Grund dafür, warum die griechische Marine noch immer erheblich viel größer ist als die deutsche und warum das kleine Land mit seinen etwa elf Millionen Einwohnern mehr Fregatten und Korvetten unterhält, wobei es sich um überwiegend weniger moderne Schiffe handelt. Beim Nato-Verband im Mittelmeer ist ein griechisches Kriegsschiff beteiligt. Zu dem Verband gehören acht Schiffe, darunter Fregatte und Zerstörer, aber auch ein albanisches Patrouillenboot. Lange Zeit war es in dieser Gegend Europas recht still. Aber mit dem Syrien-Krieg, der Flüchtlingssituation und den osmanischen Ambitionen des türkischen Präsidenten hat sich die Ägäis zum politisch brisanten Seeraum gewandelt.

Im Alltag auf der „Bayern“ ist davon allerdings nicht so viel zu spüren. Die jungen Soldaten, darunter viele, die freiwillig eine Wehrdienst leisten, blicken nach fast sechs Monaten erwartungsvoll dem Heimweg entgegen. Anfang März ist die „Bayern“ von Wilhelmshaven ausgelaufen. Auf den Bildern vom Abschied sieht man Eisschollen im Hafen. Der Kontakt nach Hause ist heutzutage leicht zu halten. Es gibt ein halbwegs taugliches bordeigenes Internet. Fast überall auf und zwischen den Inseln existiert ein starkes Handy-Netz, zuverlässiger als in Brandenburg oder am Vogelsberg, berichten sie. Wenn ihre Schichten vorbei sind, vertiefen sich die jungen Leute, darunter 16 Frauen, in soziale Netzwerke. Einige haben sich an Bord zusammengefunden, ein junges Paar wohnt auch in Wilhelmshaven in einer gemeinsamen Wohnung. Auf dem Schiff sehen sie sich gar nicht so oft, sie arbeitet in der Zahlmeisterei, er gehört zu den Decksmatrosen. Paare gibt es auf der „Bayern“ in jeder Konstellation, da hat niemand etwas dagegen, solange die Regeln des Bordlebens eingehalten werden, also etwa getrennte Kabinen. Wer bei Landgängen mal ein Hotelzimmer nehmen möchte, bitte sehr.

Fregattenkapitän Brüggemeier befehligt die Fregatte nach der Philosophie, demzufolge ein gut organisiertes Schiff wenig Führung braucht. Das bedeutet, wenn alle Offiziere, Unteroffiziere und die Mannschaften wissen, was zu tun ist, dann muss er selten eingreifen. Auf der Brücke hört sich das oft so an: Junger Mann oder junge Frau, Fähnrich, Leutnant zur See oder auch Stabsgefreiter tritt vor ihn, salutiert und macht einen Vorschlag zum nächsten Schiffsmanöver. Und in der Regel antwortet Brüggemeier dann: „Vorschlag wird Befehl“, worauf wieder salutiert und der Befehl gewordene Vorschlag weitergegeben wird. Wenn bei der Marine alles so klappen würde, bräuchte der Parlamentarische Staatssekretär Thomas Silberhorn eigentlich gar nicht an Bord zu kommen. Aber die materiellen Zustände sind dort auch nicht viel besser als in der übrigen Bundeswehr.

Zwei Tage hat der CSU-Politiker sich Zeit genommen, um die Fregatte, die 1994 von Karin Stoiber als bayerische Landesmutter getauft wurde, zu besuchen. Silberhorn redet stundenlang mit allen über alles: ihre auslaufende Nato-Mission, den Sterilisierer, auf den die Bordmediziner seit Monaten vergeblich warten, oder über den löchrigen Wasserschlauch, der nicht mit Bordmitteln ersetzt werden darf. Ein Dauerthema ist auch die Arbeitszeitverordnung, die nur den Betrieb aufhält. Auch dass die Munition an Bord sehr, sehr alt ist, wird erörtert. Vor sechs Wochen war an Bord der Fregatte „Sachsen“ eine fehlzündende Luftabwehr-Rakete im Start-Silo direkt vor der Schiffsbrücke mit einem Riesenknall und meterhohen Flammen ausgebrannt. An Bord der „Bayern“ sind ähnliche Raketen, auf die man nun mit einer gewissen Skepsis schaut.

Spätabends vor malerische Kulisse der Vulkaninsel Santorin diskutieren einige auf dem achterlichen Hubschrauber-Deck, ob die Marine der Zukunft nicht besser wieder kriegstüchtige Schiffe braucht statt schwimmender Führungsplattformen für Friedensmissionen. Als solche gelten auch die Schiffe vom brandneuen Fregattentyp 125, der demnächst in Dienst gestellt werden soll. Doch bei den meisten Seeleuten gehen die abendlichen Gedanken immer öfter in Richtung Heimfahrt und Zuhause. Die Überfahrt von Santorin nach Kreta verläuft durch mondlose Nacht und klaren Sternenhimmel. Das Wort „Mittelmeer“ klingt immer so idyllisch nach Badeferien. Doch die Nacht-Wellen sind drei Meter hoch, der warme Wind bläst mit dreißig Knoten. Die „Bayern“ wälzt sich dadurch, aber in einem Schlauchboot oder einem alten Kahn sollte man hier nicht unterwegs sein. Am nächsten Morgen, nach den Übungsschüssen, läuft die Fregatte in der Nato-Marinebasis bei Souda auf Kreta ein. Dort beendet sie Anfang der Woche ihren Ägäis-Einsatz und macht sich mit einem Tankstopp in Porto auf den Heimweg nach Wilhelmshaven. Dort werden Schiff und Mannschaft schon sehnlichst erwartet.